Haben wir die Demokratie missverstanden?

5 Thesen, die alles in Frage stellen

Josef Hülkenberg analysiert das Spannungsfeld zwischen der theoretischen Souveränität des Volkes und der gelebten Realität einer modernen „Demokratur“, in der Bürger ihre Macht oft an eine kleine politische Klasse abtreten. Der Autor nutzt das Bild der Sehnsucht nach dem Meer, um zu verdeutlichen, dass echte demokratische Souveränität weit über passiven Konsum hinausgeht und eine aktive, eigenverantwortliche Gestaltung der Gesellschaft erfordert. Strukturgebend ist dabei die kritische Hinterfragung des Bürgerbegriffs, wobei lokale Beispiele wie das Schweizer Ortsbürgerrecht als Modelle für tiefere Verbundenheit und Mitbestimmung dienen.

Ein zentrales Anliegen seines Buches aus 2015  ist die Forderung nach einem neuen Denken, das Erkenntnisse aus der Quantenphysik und Systemtheorie nutzt, um starre Machtstrukturen durch lebendige, polylogische Prozesse zu ersetzen.Letztlich plädiert Hülkenberg für eine Verantwortung im Anthropozän, in der mündige Bürger die Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten nicht dem Markt überlassen, sondern als menschliche Gemeinschaft selbst übernehmen.

Video-Zusammenfassung KI-generiertDemokratie neu gedacht Themengrafik KI-generiertAugenmaß statt Gigantismus
Quellen: Hülkenberg, Josef, Nur mal angenommen … Demokratie ginge anders Auf der Spur einer Sehnsucht und den Bedingungen ihrer Realisierung, Hamburg 2015
Zum vertieften Lesen

Sehnsucht nach Souveränität

Fühlen Sie sich auch frustriert von der Politik? Spüren Sie diese nagende Ahnung, dass unsere Demokratie nicht hält, was sie verspricht, dass die entscheidenden Weichenstellungen ohne uns stattfinden? Dieses Gefühl ist kein Zufall. Es ist das Symptom einer tiefen Sehnsucht nach Souveränität in einer Zeit, in der uns diese Souveränität systematisch entgleitet. Die Wurzel des Problems liegt in einem fundamentalen Missverständnis dessen, was Demokratie wirklich bedeutet.Es ist an der Zeit, die maroden Fundamente unseres politischen Denkens einzureißen. Die folgenden fünf Thesen, destilliert aus radikaler Gesellschaftskritik, sind nicht nur Denkanstöße – sie sind das notwendige Werkzeug dafür. Sie fordern uns heraus, unsere bequemsten Überzeugungen über Bord zu werfen und die Rolle des Bürgers völlig neu zu denken.

Die 5 Thesen

1. Wir leben oft nicht als Souveräne, sondern als Untertanen einer ‘Demokratur’

Wir leben in dem Glauben, der Souverän im Staat zu sein. Doch die Realität sieht anders aus. Der Verfassungsrechtler Karl Loewenstein beschrieb unser parlamentarisches System bereits 1959 in seinem Buch „Verfassungsrecht“ treffend als „demoautär“: Das Volk wählt ein Parlament, dieses wählt eine Regierung, und diese agiert dann autoritär, ohne echte Rückkopplung an den Wähler. Man könnte es auch eine „Demokratur“ nennen.

Diese These wird durch eine ernüchternde Statistik untermauert: Daten aus der Mitte der 2010er Jahre zeigten, dass sich die herrschende politische Klasse aus lediglich 1,5 % der 81 Millionen Bürger in Deutschland rekrutiert – nämlich jenen, die Mitglied einer politischen Partei sind. Viele Bürger scheinen ihren Status als Untertan zu akzeptieren, da ihnen eine ungestörte Freizeit wichtiger ist als die eine oder andere eingeschränkte Freiheit. Das System ist so gestaltet, dass fundamentale Änderungen kaum möglich sind, wie der Kabarettist Volker Pispers schmerzlich verdeutlicht:

„Sie kriegen in einer Demokratie keine Politik durchgesetzt, von der 90 % der Bevölkerung profitieren würde!“

2. Wir versuchen, die Probleme von heute mit den Werkzeugen von gestern zu lösen

Stellen Sie sich vor, jemand würde versuchen, bei der Tour de France mit dem Laufrad anzutreten, das Freiherr von Drais im 18. Jahrhundert erfunden hat. Lächerlich, oder? Doch genau das tun wir politisch. Unser gesellschaftliches Denken steckt noch immer in der Gedankenwelt von Denkern wie Thomas Hobbes, John Locke, Montesquieu und Jean-Jacques Rousseau fest.

Während sich unser Wissen in Quantenphysik und Neurobiologie revolutioniert hat, ignorieren wir diese entscheidenden Erkenntnisse bei der Gestaltung unseres Zusammenlebens. Dieses Festhalten am Veralteten lässt sich mit dem Konzept der „Macht der Dummheit“ erklären: das willentliche Ausblenden von Einsichten und Informationen, die das eigene Denkgebäude gefährden. Wir verharren im gedanklichen Hamsterrad des Postkutschenzeitalters, während die komplexen Probleme des 21. Jahrhunderts längst nach neuen Paradigmen schreien.

3. ‘Bürgerbeteiligung’ ist ein Trugschluss – Echte Souveränität fordert nicht, sie entscheidet

Begriffe wie „Bürgerbeteiligung“, „Teilhabe“ oder „Partizipation“ klingen fortschrittlich, sind bei genauerer Betrachtung aber ein Zeichen von Ohnmacht. In einem System, in dem das Volk tatsächlich der Souverän ist, muss es nicht um „Beteiligung“ bitten. Der Akt des Bittens selbst impliziert bereits eine untergeordnete Position.

Ein „Teilhaber“ ist nur ein Interessent unter vielen. Der „Souverän“ hingegen ist die höchste und ultimative Entscheidungsinstanz. Die entscheidende rhetorische Frage lautet: Wenn das Volk der Souverän ist, wer ist es dann, der ihm die Teilhabe gestattet? Wir müssen daher einen grundlegenden konzeptionellen Wandel vollziehen: weg von dem schwachen Leitsatz „Alle Macht geht vom Volke aus“ hin zu dem unmissverständlichen Prinzip „Alle Macht liegt in der Hand des Volkes“.

4. Um die Muster zu erkennen, müssen wir aufhören, auf die Details zu starren

Im Dali-Museum in Figueres gibt es ein großes Gemälde, das aus der Nähe wie ein abstraktes Raster wirkt. Besucher können durch ein Fernrohr die scharfen Details betrachten, erkennen aber nichts. Erst wenn sie Abstand nehmen und ihren eigenen Blick absichtlich unscharf machen, offenbart sich das Gesamtbild: das Gesicht von Abraham Lincoln.

Diese Anekdote ist eine treffende Metapher für unsere heutige Informationsgesellschaft. Wir werden permanent abgelenkt von „jeder Sau, die durch das Medien-Dorf getrieben wird“. Statt uns in Details zu verlieren, fordert uns diese Erkenntnis zur intellektuellen Verantwortung auf. Sie zwingt uns, die entscheidenden Fragen zu stellen: Welche Sau? Welches Dorf? Wer treibt? Und was geschieht im Schatten der Hatz? Unsere Besessenheit von kurzlebigen Skandalen hindert uns daran, die übergeordneten Muster und die wirklichen Machtstrukturen zu erkennen, die unsere Welt formen.

5. Vergessen Sie zivilen Ungehorsam – Was wir wirklich brauchen, ist ‘Eigensinn’

Ziviler Ungehorsam ist ein etabliertes Konzept des Protests, doch es gibt eine kraftvollere Alternative: der „Eigensinn“. Der philosophische Unterschied ist fundamental. Ziviler Ungehorsam ist reaktiv; er definiert sich immer in Opposition zu einer herrschenden Autorität, gegen die man ungehorsam ist. Man bleibt gefangen im Rahmen des Systems, das man kritisiert.

„Eigensinn“ hingegen ist eine proaktive und positive Haltung. Es ist die selbstbewusste Behauptung der eigenen Souveränität, des eigenen Willens, unabhängig von einer äußeren Macht. Es geht nicht darum, sich gegen etwas zu stellen, sondern darum, für sich selbst und die eigenen Überzeugungen zu handeln. Der Schriftsteller Hermann Hesse hat die Kraft dieser Haltung perfekt erfasst:

„Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen: Tapferkeit, Geduld und Eigensinn. Die Tapferkeit stärkt, Geduld gibt Ruhe. Und der Eigensinn macht Spaß.“

Dieser Perspektivwechsel verwandelt bürgerschaftliches Engagement von einer anstrengenden Pflicht in einen freudvollen und machtvollen Ausdruck persönlicher Souveränität.

Schlussfolgerung

Diese fünf Thesen legen schonungslos offen, dass unser gewohntes Verständnis von Demokratie auf einem maroden Fundament steht. Die Werkzeuge sind veraltet, die Begriffe irreführend und unsere Perspektive ist vernebelt. Die Erkenntnis, eher Untertan als Souverän zu sein, ist unbequem, aber sie ist der Ausgangspunkt für die Erfüllung unserer tiefen Sehnsucht nach echter Selbstbestimmung. Es ist der erste, notwendige Schritt hin zu einer neuen Definition dessen, was es bedeutet, ein mündiger Bürger in einer wirklichen Demokratie zu sein.

Wenn wir aufhören, um Beteiligung zu bitten, und anfangen, als souveränes Volk zu handeln – was wäre die erste Entscheidung, die wir treffen müssten?

 

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